Lange habe ich überlegt, wie der erste würdige Blogeintrag „danach“ aussehen soll. Wie viele von euch wissen befindet sich unsere kleine Welt ohnehin schon im Umbruch. Eine neue Arbeitsstelle, ein Umzug stehen auf dem Programm. Ohne Stephen ist nichts so wie es war. Die erste Woche wollte kaum vergehen. Inzwischen sind es über drei und das Leben scheint irgendwie weiter zu gehen. Er wird für immer jung bleiben. Seine Verschwendungswimpern gibt es nicht mehr. An dem schönen Datum 10.10.10 wird sein erster Todestag sein. Irgendwann werden wir uns so sehr daran gewöhnt haben, dass uns das Leben ohne Stephen realer vorkommt als die Zeit in der er noch gelebt hat. „Stephen Gately war ein wundervoller Mensch.“ Wir werden von ihm in der Vergangenheit sprechen, ohne dass es uns komisch vorkommt.
Ich entdecke ein längst vergessenes Talent: Ohne Probleme kann ich aus praktisch Allem einen Zusammenhang zu Stephen herstellen. Im Fernsehen laufen Sendungen über Filmhits wie You’re the one that I want. Coldplay singen Life in Technicolor. In einer Kochsendung gibt es mallorquinisches Dessert. Ich sehe die Backstreet Boys im Fernsehen. Zu viert. Louis sagt, wer weiß was die Zukunft bringt, Take That sind vier. Die AL sind auch vier (ok, so hat er sie natürlich nicht genannt). Aber mir wird klar, dass es bei Boyzone anders ist. Ein klarer Fall von „elephant in the room“-Syndrom. (Of course, in your case, it’s a dead gay elephant.) Wo auch immer sie zu viert auftauchen, wird man sofort merken, dass jemand fehlt und man wird vor allem sofort daran erinntert, WARUM dieser Jemand fehlt, auch wenn die Tatsache unausgesprochen bleibt, es wird immer da sein.
Die Jungs sprechen zum ersten Mal über Stephens Tod. Zu viert. Es ist herzzerreißend, sie so zu sehen, besonders als es Shane die Sprache verschlägt. Trotzdem bin ich erleichtert, es tut gut zu sehen, dass sie einander haben.
Natürlich mache ich eine Playlist. Das mache ich immer im Zweifelsfall. Einige Lieder auf der „Stephen’s songs“-Playlist habe noch nicht einmal angehört, weil allein der Gedanke daran zu sehr weh tut, aber ich weiß, dass sie da hingehören. Da wäre zum Beispiel There You’ll Be von Faith Hill, das Stephen vor einigen Jahren seinen Fans gewidmet hat und das mich lange Jahre Wasserhahn-aufdreh-mäßig zu Tränen rührte, weil ich ihn in den 4 Jahren, die zwischen unserem letzten Boyzone-Konzert im Juni 1999 und Joseph im März 2003 so schrecklich vermisst habe. Ich frage mich, ob der Rest meines Lebens so wird wie diese 4 Jahre „ohne “ Stephen. In dieser Zeit lebte ich mit der Angst, ihn vielleicht nie wieder zu sehen. Zumindest habe ich jetzt Gewissheit.
Gewissheit bedeutet: Diesmal weiß ich, dass wir uns wiedersehen werden. Nicht hier, und nicht in diesem Leben. Aber wir werden uns wiedersehen, daran glaube ich ganz fest.
Bis dahin halte ich mich an meine Erinnerungen. Ich denke an all die Momente, in denen ich seine Wärme auf meiner linken Schulter spürte. Als wir uns dann zum ersten Mal im wirklichen Leben begegneten. Es war mein 20. Geburtstag. Ich werde nie vergessen wie ich beim Foto-machen kurz gezögert habe, ob ich nun meinen Arm um Stephen legen soll, dass ich es mit zitternden Händen schließlich doch tat, beinahe elektrisiert feststellte, wie weich der Stoff seines roten Kuschelpullis war. Dann später, als ihn mehrmals getroffen hatte und ich oft das Gefühl hatte, dass wir ein bisschen aneinander vorbeiredeten. Dass ich mir dann im September 2007 bei Godspell vornahm, ihm diesmal nur 100% eindeutige, nette Sachen zu sagen, und seinen verlegenen, ernsthaft überraschten Gesichtsausdruck nachdem ich ihm ein ehrliches und vor allem wirklich unmissverständliches Kompliment machte. Vielleicht weißt du jetzt, wie gut du eigentlich warst, Stephen.
Als ich vor nun fast 15 Jahren Boyzone-Fan wurde, war ich fest davon überzeugt, dass diese Band etwas Besonderes war. Das war zu dem Zeitpunkt vielleicht nicht offensichtlich, aber ich bin der Meinung, ich habe es immer gespürt, dass sie etwas von den anderen gefühlten 562 Boybands der 90er unterschied. Erste erfolgreiche irische Popgruppe. Erste Boyband, deren Mitglieder Kinder kriegten und heirateten. Erste Boyband in der sich einer outete. Erste Boyband mit einem toten Mitglied, denn mal ehrlich, er wird immer ein Mitglied von Boyzone bleiben. Das ist ein Job, der weit über „auf Lebenszeit“ hinausgeht! Ich glaube an unsere Jungs und ihre Freundschaft, und dass sie das irgendwie verkraften werden, wie sie alles bisherige auch gemeistert haben. Ich war immer stolz, Boyzone-Fan zu sein (Fremdschäm-Momente der Reunion-Tour inklusive) und ich war mir nie bewusster, dass diese Menschen einfach ein Teil von mir sind und es immer, in welcher Weise auch immer, bleiben werden.
Danke an alle, die bis hierher gelesen haben. Ich habe wie gesagt lange darüber nachgedacht, wie der erste Blog „danach“ aussehen soll. Im Endeffekt habe ich nur meine immer noch (mehr oder weniger) wirren Gedanken aufgeschrieben. Vielleicht hat sich euch der Sinn nicht an allen Stellen erschlossen. Aber darum geht es. Worin genau besteht der Sinn, dass ein 33jährtiger gesunder Mann von heute auf morgen sterben muss? Ich weiß es nicht. Aber die letzten drei Wochen haben mich nur noch mehr darin bestärkt, dass ich nach wie vor an diesen Sinn glaube.
There’s a meaning to the world. We’re giving love.



das hast du sehr schön geschrieben… *sniff*
ich bin ganz sicher ihm geht es gut dort oben… ja, man versteht nie warum menschen sterben müssen, egal ob jung ob alt, ob „sinnvoll“ oder „sinnlos“. aber ich bin mir sicher das es jemanden gibt der genau weiß warum eben dann der richtige zeitpunkt ist…oft genau dann wenn wir denken es ist der falsche. aber ich denke, das denkt man fast immer…
somit geht das leben weiter, ich hoffe für dich mit ein paar mehr lachfältchen, von tag zu tag eben. *umärmel*
Hey Lizzie,
ich muss zugeben, dass ich selten euren Blog besuche. Einfach weil ich generell nie lange am Internet hänge und möchlichst versuche, nur das „Wichtige“ zu erledigen. Aber eben habe ich deine Einträge zu Stephens Tod gelesen und verspürte das Bedürfnis, darauf zu reagieren. Ich hoffe, du weißt, dass ich immer für dich da bin. Dass unsere Freundschaft vielleicht mit BZ bzw. Stephen begann, mittlerweile aber längst darüber hinaus geght. Deine Gedanken über Stephen klingen fast haargenau wie meine (bis auf ein paar Kleinigkeiten, dass ich z.B. bisher keinen anderen BZ Fan geheiratet habe *lol*).
Stephen nun zu verlieren, erscheint immer noch völlig surreal. Als könne die Welt einfach nicht so unfair sein, dass ein derart wunderbarer Mensch so früh gehen muss… Aber wer hat je gesagt, dass das Leben fair ist? Dass man daran nichts ändern kann, schmerzt. Nieman kann Sterphen ins Leben zurückholen. Aber die „Randerscheinunen“ um Boyzone können wir beeinflussen: Freundschaften, das Finden einer eigenen Identität, Wertvorstellungen… Bei all dem hat mir Stephen geholfen. Und er tut es immer noch. Danke für unsere Freundschaft.
Alles Liebe, deine Katha